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Niedriger Blutdruck

Verfasst: 17. Jun 2013, 14:17
von Carmen

Ein Artikel des Heilpraktikers Hans-Heinrich Jörgensen

Der niedrige Blutdruck

Alle Welt redet vom hohen Blutdruck. Wie das Kaninchen auf die Schlange, so starren wir auf die Blutdruckwerte, wenn sie denn um ein paar Millimeter an der Quecksilbersäule erhöht sind. Dass aber der niedrige Blutdruck, das Gegenteil der angeblichen Volksseuche, mehr Arbeitstage ausfallen lässt, als irgend eine andere Krankheit, nehmen wir gelassen hin. Dabei sind jene "blauen Montage", die der freundlichen Arbeitgebertoleranz zufolge keinen gelben Schein erforderten, noch nicht einmal mitgezählt.

Der Leidensdruck der Betroffenen ist beträchtlich, dennoch wird die Hypotonie, so heißt der niedrige Blutdruck im Gegensatz zur Hypertonie, als Krankheit nicht ernst genommen. Vielleicht zu Recht, denn eigentlich ist es auch keine Krankheit, sondern eher eine Konstitutionsfrage, was die Probleme für den Hypotoniker nicht geringer macht. Betroffen sind vor allem sogenannte Astheniker, schlanke, ranke, hoch aufgeschossene eher etwas schlaksige Typen, denen oft auch eine gewisse Bindegewebsschwäche zu eigen ist. Männer sind öfter befallen als Frauen, Junge mehr als Alte.

Der Hypotoniker ist ein Morgenmuffel mit beträchtlichen Anlaufschwierigkeiten. Weckerklingeln ist ihm ein Gräuel, reißt ihn gar das Telefon aus dem Schlaf, rennt er blind gegen die Schranktür, der Tag ist gelaufen. Vor dem Rasierspiegel, es kann auch ein Schminkspiegel sein, möchte er sitzen. Zwischen Aufstehen und Frühstück hat er jeden Morgen seine suizidale Phase. Sollte er mit einem Partner verheiratet sein, der vor dem Frühstück schon geschirrklappernd oder gar singend durch die Wohnung läuft, denkt er nicht an Scheidung sondern eher an Mord.

Als Einkaufsbegleiter seiner Kleider aussuchenden Ehefrau überkommt ihn spätestens nach der dritten Anprobe der Fluchtreflex "raus hier" - zumindest aber braucht er einen Stuhl. Ist es eine "Sie", geht's ihr auch nicht besser. Hat sie die herunter gefallene Nähnadel auf dem Teppich gefunden und richtet sich wieder auf, muss sie sich mit beiden Händen an der Tischkante festhalten, um nicht umzufallen. Ihr wird schwindlig, wenn nicht gar schwarz vor Augen.

Beim Zahnarzt oder der Blutentnahme ist der Kollaps nicht weit. Hypotoniepatienten entnehme ich Blut zur Laboruntersuchung nur im Liegen. Wer schon liegt kann nicht mehr umfallen. Und wenn der Hypotoniker einen dieser unsagbar dummen Fragebogen, die zur Diagnose der sogenannten Depression dienen, ausfüllen muss, dann kreuzt er so viele "ja" an, dass er die Fehldiagnose "Depression" weg hat - und nicht mehr los wird. Schon gar nicht, wenn er erst auf die entsprechende medikamentöse Schiene geschoben worden ist.

Erstaunlich, dass es nicht noch viel öfter zu Entgleisungen dieses wundersamen wunderbaren Regulationssystems kommt, das in jeder Lebenslage und in jeder Körperlage dafür sorgt, dass in dem weit verzweigten Netz von Arterien und Venen das Blut immer gleichmäßig verteilt ist. Im kleinen Zeh muss so viel sein, dass er nicht abstirbt, und im Gehirn so viel, dass man noch denken kann - und immer muss alles Blut in Bewegung bleiben. Ein ausgeklügeltes System von Nerven, Muskeln, Gewebshormonen und Enzymen sorgt dafür, dass es nicht einfach den Gesetzen der Schwerkraft folgend in die Füße sackt. Kommt der Hypotoniker zu plötzlich in die Senkrechte, dann spricht dieses Steuerungssystem manchmal etwas zeitverzögert an, und dann ist das Blut in den Beinen und im Bauch statt im Kopf - ihm wird schwindlig.

Ich gebrauche - um das ganze meinen Patienten zu erklären - gerne das Bild von der mit Wasser gefüllten Fußballblase und dem Kinderluftballon (oder ähnlichem). Und jedem ist klar, dass der Kinderluftballon den Hypotoniker symbolisiert. Der mangelhafte Tonus (Spannungszustand) der Gefäßwände lässt sie erschlaffen, das Blut sackt ab. Primäre oder essentielle Hypotonie nennen wir diesen konstitutionell bedingten Zustand, der in der Regel ungefährlich ist, dafür aber außerordentlich lästig.

Bedrohlicher ist die sekundäre Hypotonie, bei der der Blutdruck auf Grund einer anderen Primärerkrankung in den Keller geht. Das kann zum Beispiel eine Herzmuskelschwäche sein. Irgendwann kann dieses Herzversagen infolge dauernder Überbelastung auch beim Hochdruckpatienten auftreten. Wenn der ansonsten stets erhöhte Blutdruck ohne erkennbaren Grund plötzlich "normal" wird, kann das ein lebensgefährliches Signal sein, dass der Infarkt vor der Tür steht. Auch hormonelle Störungen der Nebennieren oder der Schilddrüse sowie Infektionskrankheiten erniedrigen den Blutdruck, und selbstverständlich ein starker Blutverlust. Da der Spannungszustand der Gefäße durch die Nerven gesteuert wird, kann auch hier die Ursache liegen. Gehirnerschütterung, Kopftumoren oder einfach eine vegetative Labilität auseinander zu halten ist nicht immer leicht.

Über die verbreitete Hochdruck-Angst ist völlig aus dem Blickfeld geraten, dass jene Medikamente, die den Hochdruck senken sollen, ihn auch soweit senken können, dass die typischen Symptome einer Hypotonie auftreten.

Wenn dem Hypertoniker, dem Patienten mit hohem Blutdruck, häufig schwindlig wird, kann es daran liegen, dass der Druck zu weit oder zu plötzlich abgesenkt wurde und nun nicht mehr hoch genug ist, um alle Hirngefäße ausreichend zu versorgen. Die hypotone Krise des Hypertonikers kann einen "weißen" Schlaganfall auslösen, bei dem keine Ader platzt, sondern den Blutfluss zum Erliegen bringt. Alle Blutdruck senkenden Arzneien, aber auch Mittel, die das Herz entlasten sollen, Entwässerungsmittel, Mittel gegen Depressionen und gegen Allergien können hierfür verantwortlich sein.

Wie hält man nun den Blutdruck stabil in der erforderlichen Mindesthöhe? Beim Blutverlust ist die Antwort einfach: das Flüssigkeitsvolumen im Kreislaufsystem muss aufgefüllt werden. Darum gehört es zu den ersten Maßnahmen des Unfallhelfers einen venösen Zugang zu legen. Beim vegetativ ausgelösten Kollaps hat man früher gerne Herz und Kreislauf aktivierende Spritzen gegeben, heute geht auch hier der Trend eindeutig zur Flüssigkeitsinfusion, die den Kreislauf auffüllt. Als "innere Infusion" bezeichnen wir jene Maßnahmen, die jeder Laie durchführen kann und die mehr Blut in Richtung Gehirn bringen: den Bewußtlosen - oder auch nur "Plümeranten" - hinlegen und die Beine hoch lagern.

Aber all' das hilft dem Alltagshypotoniker mit seinen banalen Problemen wenig. Die richtige Therapie kennt er - zumindest theoretisch: Nach dem Aufstehen eine kalte Dusche, eine Wuzelbürstenmassage, den Trainingsanzug an, und einen Waldlauf! Wohl dem, der es schafft. Aber eben das ist ja sein Problem, dass er sich dazu nicht aufraffen kann. Statt dessen schleicht er zum Frühstückstisch, verkriecht sich hinter der Zeitung, kann sich nicht zwischen Honig und Marmelade entscheiden und beginnt erst nach der zweiten Tasse Kaffee langsam die Lebensgeister zu spüren. Es kann dahin gestellt bleiben, ob die Flüssigkeitszufuhr oder das "zentrale Analeptikum" Coffein den größeren Anteil hat. An der hypotonen Konstitution ändert beides nichts, aber es wird als kleine Starthilfe in den Tag empfunden.

Nichts anderes tun alle Medikamente, die gegen den niedrigen Blutdruck empfohlen werden. Wir bezeichnen sie auch als Sympathikotonika. Der Sympathikus steht in unserem vegetativen Nervensystem für Aktivität, Arbeit und Streß. Der Gegenspieler, der Vagus, steht für Ruhe, Entspannung, Wiederaufbau. Das ist eine rein didaktische Aufteilung, anatomisch lassen sich die beiden Funktionen des Nervensystems nicht trennen. Betrachtet man dieses stete Pendeln zwischen den beiden Gegenpolen unseres Verhaltens mehr vom Stoffwechsel her, dann nennen wir es ergotrop und trophotrop, von Arbeit und Ernährung. Aus der Sicht des Hormonhaushaltes sprechen wir von adrenerg oder adrenolytisch, denn Adrenalin und Noradrenalin sind die beiden typischen und wichtigsten Aktivitätshormone. Deswegen haben auch alle Blutdruck steigernden Medikamente eine gewisse Verwandtschaft zum Adrenalin.

Vorsicht für den Sportler: alle Sympathikotonika gelten als Dopingmittel! Dank peinlich genauer Analyse-Möglichkeiten kann schon eine Kampfersalbe, wie sie früher gern bei Sehnenproblemen eingerieben wurde, zum Verlust der Siegertrophäe führen.

Im Arzneiangebot Blutdruck steigernder Mittel herrscht stets große Bewegung, teils weil die Beschaffung pflanzlicher Rohstoffe schwierig ist, teils weil sich im Dauergebrauch gefährliche Nebenwirkungen herausgeschält haben, aber auch weil eine restriktive Arzneigesetzgebung unerfüllbare Anforderungen an den Wirksamkeitsnachweis stellt. Die klassischen Pflanzenmittel Besenginster (Inhalt Spartein) und Kampfer (Camphora) haben fast ausgedient. Kampfer findet sich noch im Korodin®, das gern mit einem Stückchen Zucker gegeben wird, weil die Kollapsneigung und der in den Keller stürzende Blutzuckerspiegel schwer zu unterscheiden sind. Ephedra, einst auch häufig eingesetztes Asthmamittel, ist gänzlich out, weil es ergotrop und nicht trophotrop wirkend als Appetithemmer missbraucht wurde (und wird), aber gefährliche Nebenwirkungen wie Lungenhochdruck macht - und stetig an Wirkung einbüßt. Breiter angewendet werden heute nur noch Etilefrin-Präparate (Adrenam®, Effortil®) und mit verzögert einsetzendem Effekt Midodrin (Gutron®), das abends geschluckt schon beim Aufwachen wirken soll.

Diese Mittel sprechen die Empfangsantennen jener Nerven an, die den Gefäßtonus steuern. Rezeptoren nennen wir diese Antennen und teilen sie nach dem griechischen Alphabet in Alpha- und Beta-Rezeptoren ein. Bremsen wir diese Rezeptoren sprechen wir von Blockern oder Antagonisten, regen wir sie an nehmen wir Agonisten oder Mimetika. (Jetzt können Sie den Beipackzettel Ihrer anderen Arzneien besser verstehen.)

Am Herzen sitzen viele Beta-Rezeptoren, die liebend gerne gebremst werden, in den Venen sitzen Alpharezeptoren. Unsere Blutdruck steigernden Medikamente sprechen beide Rezeptoren an. Das Herz pumpt etwas kräftiger und die Venen werden gestrafft, wodurch mehr Blut aus den venösen Depots in den aktiven Kreislaufbereich verlagert wird. Der Blutdruck steigt. Interessanter Nebeneffekt: im Bereich des Blasenschließmuskels sitzen ebenfalls viele Alpharezeptoren. Darum sind obige Präparate beim alten Herren mit Prostataproblemen auch kontraindiziert, denn der Arme tut sich so schon schwer genug beim Wasserlassen und kann eine Aktivierung des Schließmuskels überhaupt nicht gebrauchen. Umgekehrt ist aber die inkontinente ältere Dame, die bei jedem Husten und Hüpfen ein paar Tröpfchen Urin verliert, Nutznießer. Sie kann ihren Schließmuskel ein bißchen besser schließen lassen.

Sympathikoton wirkt aber auch der ganz natürliche Streß, der uns im Laufe des Tages immer wieder begegnet. Streß ist der unspezifische Reiz, der über Alarmreaktionen unseren Kreislauf und unseren Stoffwechsel immer auf's neue den Notwendigkeiten anpasst. Ohne diese Anpassungsreaktion hätten wir den langen Weg vom einzelligen Pantoffeltierchen zum Homo sapiens nicht geschafft. Streß ist nichts böses, es sei denn, er hagelt im Übermaß auf uns ein, so dass wir ihn nicht mehr bewältigen können. Dysstreß heißt das dann korrekt. Streß ist die zwingende Voraussetzung für ein aktives und erfülltes Leben. Unter Streß blüht der Hypotoniker erst richtig auf - wie ich jetzt, weil der Abgabetermin für dieses Manuskript schon eine Woche überschritten ist.


Liebe Grüße

Carmen

Re: Niedriger Blutdruck

Verfasst: 20. Jun 2013, 22:09
von ralfdingo
Ja da kenne ich mich wieder schon allein deshalb habe ich mein halbes leben nachts gearbeitet ( fataler fehler) nur um das frühe aufstehen zu umgehen